Der Facebook-Pranger
Vorneweg - Facebook ist super. Es bietet die Möglichkeit, ungezwungen mit Leuten aus aller Welt in Kontakt zu kommen und zu bleiben, ermöglicht interessante und kontroverse Diskussionen mit Menschen, die ich im realen Leben allein aufgrund geographischer Beschränkungen nie kennengelernt hätte und dies in einem unterhaltsamen Rahmen.
Es bedarf allerdings auch keiner Ilse Aigner, um festzustellen, dass viele Teilnehmer nicht in der Lage sind, Facebook oder Äußerungen dort adäquat einzuordnen. Facebook ist keine Hörsaal, kein Konferenzraum oder Diskussionsportal für Fachleute. Besser wäre es mit einem 24-Stunden-Stammtisch verglichen, an dem mal geistreichere, mal weniger geistreiche Gespräche geführt werden. Würde jemand eine beim Betriebsausflug, möglicherweisen noch zu späterer Stunde, gemachte, unüberlegte Bemerkung auf die Goldwaage legen?
Das Argument der eingeschränkten Audienz lasse ich nicht gelten - im oben genannten Beispiel könnten Kollegen schließlich auch den Fehltritt am Schwarzen Brett der ganzen Firma zugänglich machen. Dies würde aber ein schlechtes Licht auf den Denunzianten werden, weshalb hier ein Element der sozialen Kontrolle für ein gesundes Maß an Toleranz und Nachsicht sorgt.
In den letzten Wochen durfte ich jedoch auf Facebook eine Reihe von Fällen erleben, die genau andersherum abliefen. Ein verbaler Fehltritt, ein Posting, in dem der Autor ein Quentchen zuviel seiner persönlichen Meinung preisgab - und der Mob hatte Blut geleckt und zelebrierte eine soziale Hinrichtung, gegen die das Dschungelcamp eine Bastion der Sittlichkeit und Zivilisiertheit darstellt. Wenn die Seiten der Opfer öffentlich präsentiert werden, der Fehltritt - so er denn überhaupt stattgefunden hat und nicht nur durch Interpretation zu einem gemacht wurde - gepaart mit wilden Anschuldigungen, die teilweise gar in der Veröffentlichung von persönlichen Namen und Adressen gipfelten - das kann man auch als impliziten Aufruf zu Gewalt und Terror verstehen - dann ist die Grenze des Akzeptierbaren weit überschritten.
Dieses Verhalten zerstört sukzessive das Fundament, auf dem Facebook gebaut ist. Wenn ich nicht mehr auf Fairness und Toleranz im Umgang vertrauen kann, dann kann ich mich nicht an einer Diskussion beteiligen, ohne ständig Angst haben zu müssen, irgendwann am Pranger zu stehen, weil irgendein intellektueller Dünnbrettbohrer mit Profilneurose etwas zusammenreimt. Neben schlichter Inkompetenz und Ignoranz ist dieses Verhalten aber auch oft bei Ideologen aller Art mit fehlender Sozialkompetenz verbreitet. "Let's agree to disagree" - der beste Weg für ein für alle Parteien harmonisches Miteinander. Seltsamerweise führe ich die aufschlussreichsten und angenehmsten Diskussionen meist mit Menschen, deren Position meiner diametral entgegengestellt ist, während vermeintliche Verbündete sich des öfteren als Inquisitoren der reinsten reinen Lehre entpuppen, denen genau jene Fähigkeit abkömmlich ist, sich an einem gewissen Punkt auf das Vorhandensein unvereinbarer Differenzen zu verständigen.
Würde ich jeden Kontakt aus meiner Liste entfernen, mit dessen Ansichten ich nicht zu 100% konform gehen kann, dann stünde ich bald alleine da. Außerdem sähe ich dann keinen Grund mehr, Facebook zu nutzen. Wenn ich mich nicht mehr austauschen, keine Diskussionen mehr führen und auf diese Weise auch neue Erkenntnisse und Kontakte gewinnen kann, dann entfällt für mich der Sinn und Zweck dieser Plattform. Farmville, die Glücksnuss und andere Nonsens-Zeitdiebe brauche ich nicht, wenn ich spielen will, dann habe ich ein Regal voll ansprechnderer Möglichkeiten.
Nur weil ich jemanden in meiner Kontaktliste habe, der eine radikale, abweichende Meinung vertritt, dann mache ich mir diese keineswegs zu eigen, nur weil ich nicht postwendend widerspreche. Entweder sehe ich keine Diskussionsgrundlage - postet jemand eine Karikatur oder einen Witz auf Kosten eines politischen Gegners ist das sicherlich keine Einladung zur Grundsatzdiskussion, insbesondere, wenn diese bereits zigfach ergebnislos geführt worden ist - oder ich habe schlichtweg keine Zeit und keine Lust den Beitrag zu lesen und mich mit den Hintergründen auseinanderzusetzen. Ich poste über Straßenbahnen, weil das mein Hobby ist. Wenn das jemand liest, freue ich mich. Wenn nicht, ist mir das auch egal, es ist mein Hobby und ich nutze Facebook für mein Vergnügen und nicht das irgendeines anderen. Wer meine Beiträge nicht mag, der soll sie nicht lesen.
So halte ich das auch mit meiner Kontaktliste - hinzugefügt wurden alle irgendwann, weil in irgendeinem Feld eine Übereinstimmung besteht. In meiner Kontaktliste befinden sich Palästinenserfreunde, Anarchisten, Ron-Paul-Anhänger, Evangelikale, Grüne, Sozialisten, Merkel-Anhänger, Konservative, Atheisten, Sarrazin-Anhänger, Multikulturalisten, Homosexuelle, Christen, Juden, Pazifisten, Militaristen, S-21-Befürworter, Atomkraftgegner etc. Ich habe keinen Bock, keine Zeit und sehe keine Notwendigkeit, mich mit den Interessen, Äußerungen und Positionen eines Jeden zu diesen Themen auseinanderzusetzen und dazu Stellung zu beziehen. Wer das nicht akzeptieren kann, der sollte darüber nachdenken, ob er auf Facebook die richtige Plattform gefunden hat.